Forschung

Forschen in gesellschaftlicher Verantwortung

Kriterien für einen gesellschaftlich verantwortungsvollen Forschungsprozess systematisch reflektieren

Was ist damit gemeint?

„Forschen in gesellschaftlicher Verantwortung“ beschreibt einen Forschungsprozess, der auf der Grundlage einer kritischen und systematischen Reflexion von Forschungsfragen, theoretischen Annahmen, Methoden, Ergebnissen und deren Kommunikation und Wirkungen zur Nachhaltigen Entwicklung beiträgt. Er geht dabei deutlich über die Regeln zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis hinaus und konzentriert sich auf Reflexionskriterien, die für alle Forschungsdisziplinen gelten und auf alle Ebenen des Forschungsprozesses übertragbar sind. Diese Definition des „Forschens in gesellschaftlicher Verantwortung“ in Abgrenzung zu anderen Begrifflichkeiten (wie z.B. „Nachhaltigkeitsforschung“) ist im Rahmen des LeNa-Projekts erarbeitet worden.

Zunehmendes Wissen und die Ausdifferenzierung der Forschung führen zu komplexer werdenden Forschungsprozessen. Diese komplexen Problemlagen erfordern eine ganzheitliche Betrachtungsweise in der Forschung und die Rückkopplung ihrer Aktivitäten und Ergebnisse an gesellschaftliche Diskurse. Der erarbeitete Reflexionsrahmen „Forschen in gesellschaftlicher Verantwortung“ zielt genau auf diese ganzheitliche Betrachtungsweise durch Förderung einer kritischen und systematischen Reflexion des gesamten Forschungsprozesses. Er umfasst dabei das „Wie wird geforscht?“ inklusive der Fragestellung „Mit wem bzw. für wen wird geforscht?“.

Der Reflexionsrahmen unterstützt Forschende sowie Forschungsmanagerinnen und -manager bei der Wahrnehmung und Berücksichtigung gesellschaftlicher Verantwortung im gesamten Forschungsprozess – d. h. idealerweise von der strategischen Agendaplanung über die Durchführung von Forschung bis zum Monitoring bzw. der Evaluierung. Der Reflexionsrahmen besteht aus folgenden acht Kriterien:


Ethik

Eine ethische Reflexion ist insbesondere dann wichtig, wenn sich im Rahmen des Forschungsprojekts ein Zielkonflikt zwischen verschiedenen Werten ergibt. Ethische Konfliktpotenziale im Forschungsprozess können nicht nur durch mögliche Folgen der Forschungsergebnisse resultieren, sondern beispielsweise auch durch die Methoden, Wahl der Kooperationspartner oder Auftraggeber sowie mögliche Verwendung der Ergebnisse (Dual-Use-Problematik). Besonders wichtig ist die Berücksichtigung ethischer Fragen in solchen Bereichen, wo noch keine gesetzlichen Bestimmungen oder Ethik-Kommissionen existieren.


Integrative Herangehensweise 

Eine integrative Herangehensweise bezieht die für den Forschungsgegenstand relevanten Aspekte und Wechselwirkungen ein. Sie erfordert zunächst die Identifikation relevanter Teilaspekte, die sich beispielsweise aus dem Zusammenspiel verschiedener wirtschaftlicher/gesellschaftlicher Sektoren, wissenschaftlicher Disziplinen, gesellschaftlicher Akteure oder Nachhaltigkeitsdimensionen (Ökonomie, Ökologie, Soziales) ergeben können. Darauf aufbauend sind Wechselwirkungen zwischen Teilaspekten auf der räumlichen und zeitlichen, der analytischen oder der methodischen Ebene zu beachten. 


Interdisziplinarität 

Unter interdisziplinärer Forschung versteht man einen Forschungsmodus, der Ansätze und Methoden aus verschiedenen Disziplinen zusammen koordiniert und nutzt. Er generiert Lösungsansätze für komplexe gesellschaftliche Probleme, die rein disziplinär nicht möglich wären. Wesentliche Herausforderungen bei der Kombination der Methoden und des Fachwissens der Geistes- und Sozialwissenschaften einerseits und der Natur- und Ingenieurwissenschaften andererseits entstehen durch die unterschiedlichen disziplinären Paradigmen und Fachsprachen.


Nutzerorientierung 

Nutzerorientierung zielt darauf ab, während des Forschungsprozesses mit denjenigen Akteursgruppen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft in den Dialog bzw. in Interaktion zu treten, die potenzielle Nutzer der zu erarbeitenden Forschungsergebnisse sind. Die Nutzung bezieht sich dabei auf verschiedene Folgeprozesse: beispielsweise die wissenschaftliche Verwertung der Ergebnisse, die Vermarktung bzw. Ingebrauchnahme neu entwickelter Produkte oder die Integration von Empfehlungen und Konzepten in Politik, Wirtschaft oder Alltagsleben.


Reflexion von Wirkungen

Eine Folgenabschätzung der Forschung beinhaltet eine Reflexion ihrer möglichen Folgen für die Gesellschaft und Umwelt – inklusive der Auswirkungen, die sich aus der Wahl des Forschungsgegenstands oder der -strategie, der Gestaltung des Forschungsprozesses und der Anwendung der Ergebnisse ergeben können. Für einige Themengebiete existieren bereits spezifische Ansätze einer Folgenabschätzung (z.B. Technikfolgenabschätzung, Environmental Impact Assessment, Gender Impact Assessment).


Transdisziplinarität 

Transdisziplinäre Forschung integriert praktisches Erfahrungswissen wissenschaftsexterner Akteure – zum Beispiel Unternehmen, Gewerkschaften, Verbände, die öffentliche Hand oder Betroffenengruppen – in den Forschungsprozess und in wissenschaftliche Wissensbestände. Durch den Einbezug partizipativer Methoden sowie die Rückkopplung an gesellschaftliche Diskurse werden praxisrelevante Forschungsbedarfe identifiziert und entsprechende Lösungen in Kooperation zwischen Wissenschaft und Praxisakteuren generiert.


Transparenz

Transparenz im Forschungsprozess meint eine möglichst umfassende Offenlegung der normativen und theoretischen Grundlagen, methodischen und inhaltlichen Ausrichtung, Ergebnisse, Folgen, wissenschaftlichen Freiräume oder Grenzen, ggf. Berücksichtigung gesellschaftlicher Interessen sowie Finanzierung der jeweiligen Forschung. Dazu gehört auch die nutzergruppenspezifische transparente Kommunikation.

 

Umgang mit Komplexität und ­Unsicherheiten

Der Umgang mit Komplexität und Unsicherheiten im Forschungsprozess bezieht sich darauf, Risiken und Wissensunsicherheiten in komplexen Systemen angemessen zu berücksichtigen und bezüglich der Forschungsfrage, der angewandten Methoden und Ergebnisse zu reflektieren. Der Umgang mit unsicherem Wissen kann beispielsweise durch Methoden der Modellierung oder der Szenarienanalyse unterstützt werden.


Wie kann eine Umsetzung in Forschungsorganisationen aussehen?

  • Weiterbildungsangebote zur Entwicklung von Kompetenzen in den Bereichen Reflexion von Folgen, Integrative Herangehensweise, Umgang mit Komplexität und Unsicherheit, Interdisziplinarität, Transdisziplinarität, Nutzerorientierung, ethische Reflexion und Transparenz
  • Entwicklung von organisationsspezifischen Ethik-Leitlinien oder -Kodizes
  • Integration der Kriterien in die Diskussion bzw. Reflexion von internen Forschungsvorhaben oder -programmen
  • Sensibilisierung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum Beispiel durch Informationsangebote oder Austauschplattformen zu Herausforderungen im Bereich „Forschen in gesellschaftlicher Verantwortung“
  • Entwicklung organisationsinterner Anreizstrukturen zur Förderung der ­Integration von „Forschen in gesellschaftlicher Verantwortung“ in den Forschungsprozess

Praxisbeispiele

Wisssenschaftsverantwortung und Ethik bei Fraunhofer
Die ethische Verantwortungsübernahme der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wird in der Fraunhofer-Gesellschaft über Sensibilisierungsmaßnahmen und ein Beratungsangebot ("Ethik-Hotline“)  aktiv gefördert.

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Diskussionskultur durch Agendaprozesse
Einen wichtigen Beitrag leisten systematisch geführte Agendaprozesse auf Organisationsebene etwa im Rahmen der Leibniz-Forschungsverbünde, Leibniz-WissenschaftsCampi oder Leibniz-Netzwerken und auf Institutsebene, in Abstimmung mit den Beiräten und Aufsichtsgremien. Die multidisziplinäre Vielfalt der Leibniz-Gemeinschaft und der Bottom-Up Forschungsmodus der Leibniz-Gemeinschaft befruchten den dynamischen Diskurs über die Disziplinen hinweg und schaffen ein Klima der Offenheit und des Miteinander.

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Reflexionsrahmen

Forschen in gesellschaftlicher Verantwortung
Das Gesamtwerk mit Einleitungsteil und allen acht Kriterien 

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Weiterführende Informationen

Pakt für Forschung und Innovation III 
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Nachhaltigkeits-
berichterstattung

DNK-Kriterium

  • 10 Innovations- und Produktmanagement

GRI-Indikatoren

  • G4-PR1–4